Kunst
Franziska Schemel :: Kunst
Ausstellungen
Franziska Schemel :: Ausstellungen
Vita
Franziska Schemel :: Vita
Galerien
Franziska Schemel :: Galerien
Presse
Publikationen
Archiv
Klicken Sie auf ein Bild um eine vergrößerte Version zu sehen.

"In weiter Ferne so nah"

Ein Mann hat eine Erfahrung gemacht, jetzt sucht er die Geschichte dazu - man kann nicht leben mit einer Erfahrung, die ohne Geschichte bleibt, scheint es, und manchmal stellte ich mir vor, ein anderer habe genau die Geschichte meiner Erfahrung ?
Max Frisch, Mein Name sei Gantenbein, 1964


Franziska Schemel beschäftigt sich seit Jahren in ihren künstlerischen Arbeiten mit einem, wenn auch mit großer Fantasie breit und vielfältig variierten Thema. Man kann es nicht recht einem herkömmlichen Genre des Bildes zuordnen: Figurenstaffage im Raum, Architekturbild mit Figur, abstrakte Konstruktion mit Fotocollage, Flächenbild oder Raumillusion?

Die fachmalerische Zuordnung der Kunstgeschichte kann uns für die Werke gleichgültig lassen. Nicht aber die Freiheit, die die Künstlerin jeweils der Gattungsgrenzen gewinnt, nicht aber auch, dass sich kunsthistorische Traditionen als Referenz ihrer Schöpfungen benennen lassen.

Was sind zunächst aber die künstlerischen Mittel von Franziska Schemel? Die Fläche oder das flächenbezogene Relief. Die Symmetrie (fast immer) der "Goldene Schnitt". Die verhangene, wenn man so will: melancholische Farbigkeit. Eine oder mehrere perspektivisch anvisierte Mitten, die ein fotografisches eingefügtes Motiv inmitten gemalter Flächen besitzen. Die Stimmung der Verlassenheit und des Ausgeliefertseins, meist in öden modernen Architekturen, die die von der Künstlerin selbst gemachten Fotografien charakterisieren.

Seltsam, im Nebel zu wandern
Leben ist Einsamsein
Kein Mensch kennt den andern
Jeder ist allein
Hermann Hesse, Im Nebel (1906)

Hermann Hesse benennt, auf eine direkte Weise, eine Grundbefindlichkeit menschlicher Existenz und der Entfremdung in der Moderne, zumal des Künstlers.
- Übrigens zu einer Zeit, wo er selbst die ländliche Einsamkeit auf der Höri am Bodensee gesucht hat.

Franziska Schemels Fotomotive zeigen diesen einsamen Menschen, selbst wenn sich mehrere auf einem Bild befinden. Sie sind eingekapselt in einen umgebenden künstlerischen Raum, der aber vollständig auf seine - fotografische - Mitte bezogen ist.

Dieser Raum kann in einzelne Segmente - fünf oder drei - unterbrochen oder ein Einraum sein, er kann aus Holzflächen, keramischen Platten oder Papier bestehen, er kann leicht vortretende Flächen besitzen oder sich ganz von der Wand lösen, er kann durch rückwärtige Leuchtpigmente etwas Schwebendes und Tiefensuggestion erhalten: Er ist aber doch immer als - mehr oder weniger architektonischer - Umraum um die Mitte entfaltet.

Eine symmetrische, zentralperspektivisch ausgelegte Architektur- bzw. Raumsimulation schafft Suggestion und Sublimität. Es ist die Feierlichkeit von Alleen, Treppenaufstiege, Säulenreihen, Prozessionswegen, Tempelgängen, die als Assoziation in den Sinn kommen, auch - verschiedentlich - der Sog des Weltraumsturzes (wie in den Endsequenzen von Stanley Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum") oder einer Reise ins Innere der Erde - in dem sich dann wieder deren Oberfläche findet. Oder schließlich Lochvertiefungen, die an Gerd Gaisers Erzählung "Lass dich doch einmal hinauf!" denken lassen: aussichtslos im Erdloch gefangen.

Es gibt auch Architekturfotos ohne Menschen, gleichsam mit dem "ausgesparten Mensch", wie einmal der Titel einer legendären, an einem positiven Menschenbild verzweifelten Ausstellung der Mannheimer Kunsthalle 1976 lautete: Ihr Initiator Heinz Fuchs schrieb damals: man erkenne, "wie zuerst der Mensch noch da ist, dann im Raum als Ding auftritt und schließlich der Mensch ausgespart" wird. Franziska Schemel wechselt hierin wie in Varianten.

Die Einfachheit der geometrischen, meist rechteckigen, manchmal kurvig begrenzten Flächen besitzt oft eine tektonische Erhabenheit, eine Archaik, die gelegentlich an das Gebaute der altägyptischen Kunst denken lässt. So haben schon kunsthistorische Vorläufer, an die Franziskas Schemels in ganz generellem Sinne denken lassen, das Erhabene des Altägyptischen für sich genutzt und interpretiert: Nicolas Ledoux, Albert Trachsel, Ben Willikens, Hannsjörg Voth.

In seiner Deutung der Pyramidenarchitektur spricht Peter Sloterdijk in der Schrift "Derrida ein Ägypter" (2007) von deren Innerstem: "der tote Raum der Grabkammer, der in der Moderne als Schau-Raum der Kunst und Kultur wiederbenutzt wird". So bildet Franziska Schemel in den Bildern gleichsam eine "innerste" Grabkammer aus, und sie besetzt sie mit dem fotografischen Abbild der Moderne. Der Hiatus von quasi altägyptischer Tempelkunst und erratischer Feierlichkeit einerseits und der fotografischen Zeitgenossenschaft bewirkt einen Hiatus, der glaubwürdig große Emotionen freisetzen kann. Rainer Maria Rilke schrieb 1907 an Clara Rilke über die Größe ägyptischer Kunst:  
"Die Morgen von Jahrtausenden, ein Volk von Winden, der Aufstieg und Niedergang unzähliger Sterne, der Sternbilder großes Dastehen, die Glut dieser Himmel und ihre Weite war da und war immer wieder da, einwirkend, nicht ablassend von der tiefen Gleichgültigkeit dieses Gesichtes, so lange, bis es zu schauen schien, bis es alle Anzeichen eines Schauens genau dieser Bilder aufwies, bis es sich aufhob wie das Gesicht zu einem Innern, darin alles dies enthalten war und Anlaß und Lust zu Not zu alledem, Und da, in dem Augenblick, da es voll war von allem Gegenüber und geformt von seiner Umgebung, war ihm auch schon der Ausdruck hinausgewachsen über sie. Nun wars, als ob das Weltall ein Gesicht hätte, und dieses Gesicht warf Bilder darüber hinaus, bis über die äußersten Gestirne hinaus, dorthin, wo noch nie Bilder gewesen waren ?"

Gleichsam mit dem Ernst ägyptisierender Tempelkunst "wirft" Franziska Schemel mit Gleichmut und Gleichmaß "Bilder hinaus", und - so möchte man angesichts zeitgenössischer Kunst, die sich - auch notwendig und wichtig - mit Kitsch und Trash befasst, meinen: ikonenhaft, meditativ, nach innen konzentriert. Mit großer Konsequenz und Wahrhaftigkeit bleibt sie immer bei sich selbst.

Harald Siebenmorgen


Kontakt